2004, „Kraft des Lichts“, Prof. Fritz Billeter

 
Mit der Malweise von Georgia O’Keeffe hat Gerdi Gutperle mehr gemeinsam. Die Blumen der Amerikanerin erregten – wir können heute darüber nur staunen – an der Ostküste Skandal. Die amerikanische Gesellschaft stand in den 20er Jahren im Bann von Sigmund Freud. Sie entdeckte durch seine Nachhilfe die Sexualität und übte sich darin, ohne zu stocken über sie zu sprechen – und nun sah sie in den Blumen O’Keeffe lauter sexuelle Symbole, was diese, um sich ihre Freiheit als Künstlerin zu bewahren, standhaft abstritt. Das ist aber nur der eine Aspekt von Gutperles Blumenbildern: ein anderer umfasst nicht das erdhaft – fleischliche, erotische Prinzip, sondern dessen Gegensatz, nämlich Entmaterialisierung, Vergeistigung. In der Ausstellung hängen neben einander: »Geistesfunkeln« und »Kraft des Lichts«. Es handelt sich beim zweitgenannten Werk um das Bild, dessen Reproduktion wir auf der Einladung zur Vernissage wieder finden. In beiden Bildern ist die Abstraktion sehr weit gediehen, die Übersetzung in ein fast eigenständiges Strukturgebilde, dem man die Blume als Ausgangspunkt nur noch knapp ansieht. »Kraft des Lichts«, in kühles, kosmisches Weiss, Grün, Blau getaucht, erinnert eher an eine Lichtfontäne, in seiner spröden Transparenz an ein übersprudelndes, gläsernes Gefäß, als an eine aus materieller Substanz bestehenden Blume. Bei »Geistesfunkeln« denke ich an eine Lichtsäule, die zu einem Kapitell als flammende Sonne aufsteigt, das die Wölbung des Kosmos stützt.

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