Sehen Fühlen Erleben


„Sehen Fühlen Erleben“ – so lautet der Titel der diesjährigen Jahresausstellung von Gerdi Gutperle. Sie zeigt uns Gemälde und Keramiken, die vorwiegend während der letzten beiden Jahre entstanden sind.

Erst seit etwa vier Jahren beschäftigt sich Gerdi Gutperle mit Ton als Werkstoff ihrer Skulpturen. Eine beachtenswert kurze Zeit, wenn man betrachtet, über welche Formensprache und Gestaltungsvielfalt sie verfügt. Schon bei den ersten Arbeiten tendierte sie zu Größe und Volumen, experimentierte und nahm Rückschläge gelassen hin. Angst im Umgang mit neuen Materialien kennt sie nicht. Neues fasziniert sie, sie will ausprobieren, um es schließlich zu beherrschen und dann gestalten zu können.

So sind in den letzten beiden Jahren Vasen, Schalen, kleine, grazile Stelen und große, voluminöse Plastiken entstanden. Gegenstandslos oder figürliche Motive assoziierend, leben alle Kunstwerke von einer intensiven Oberflächengestaltung. Stempelmotive, Ritzungen, Einkerbungen, tiefe Furchen und Rillen liegen unter einer Glasur, die in Einklang mit der expressiven Gestaltung des Tones steht. Der Ton ist nicht einfach nur Träger der Glasur, sondern geht mit ihr eine Symbiose ein. Ton, Form und Glasur ergeben gemeinsam das Kunstwerk. Diese Verbindung streben nicht alle Keramikkünstler an.

Schaut man sich nun die Gemälde von Gerdi Gutperle an, sieht man trotz aller Unterschiedlichkeit in den Materialien einen roten Faden in ihrem Werk. Sie überrascht immer wieder mit Neuem, bisher bei ihr nicht da Gewesenem und das, obwohl sie erst Ende der neunziger Jahre mit der Arbeit als Künstlerin begann. Ihre Bilder unterliegen einem Prozess der etappenweisen Veränderung. Aus Bildern aus Mischtechnik – also Fotografie, Computerbearbeitung und Übermalung - werden neue Werke durch den Auftrag neuer Materialien geschaffen. Die Künstlerin schließt ihre Bilder ab, um sie Jahre später erneut hervor zu holen und zu bearbeiteten. Das kann ein, zwei oder sogar dreimal passieren und wird säuberlich auf der Rückseite notiert. Meistens erfolgt die Überarbeitung zugunsten einer lebendigeren Oberflächenbeschaffenheit. Die so erzielte Haptik haben die Bilder mit den Keramiken gemeinsam. Doch auch die Motive und Formen findet der Betrachter in den zweidimensionalen wie in den dreidimensionalen Arbeiten wieder. Figuren, Bewegungen, florale und abstrakte Motive – diese Themen beschäftigen die Künstlerin und finden ganz intuitiv ihren Weg in das Kunstwerk.

Ton ist weich und gleichzeitig griffig. Er schmiegt sich den Händen an und lässt sich von den Fingern formen, fühlen und erleben. Das kann für den Künstler eine sehr intensive körperliche und mentale Auseinandersetzung sein. Er fühlt sich mit der Erde verbunden, erdet sich bei der Arbeit durch den Kontakt mit dem Material und bringt dabei etwas Neues hervor. Gerdi Gutperle bezeichnet das als vulkanische Tätigkeit.

Doch Ton ist auch eigenwillig und nicht immer gelingt, was sich der Künstler vorgenommen hatte. Bei großen Arbeiten ist die Stabilität besonders wichtig. Sind der Trocknungsprozess und der erste Brand gelungen, wird glasiert oder bemalt. Hier kann der Künstler großen Einfluss auf das spätere Aussehen des Werkes nehmen, doch das Feuer im Ofen sorgt immer für Zufall und Überraschung. Gerade das macht die Arbeiten in der Terra Sigillata Technik von Gerdi Gutperle so interessant. Die Künstlerin greift auf diese zweitausend Jahre alte Technik der Römer zurück und gibt ihren Keramiken dennoch ein vollkommen neues Gewand. Die alten Geschirre der römischen Antike wurden auf der Töpferscheibe gedreht und bei aufwendigeren Gefäßen mit Reliefmodeln auf den Wandungen verziert. Die dunkel- bis orangerote Engobe, eine dünnflüssige Tonmineralmasse zur Einfärbung keramischer Produkte, wurde auf das sich in lederhartem Zustand befindende Gefäß aufgebracht. Nach einem langwierigen, mehrere Tage andauernden Brennvorgang gab der Ofen feine, leicht glänzende Gefäße frei. Wir bewundern sie heute in vielen Museen Europas.  

Gerdi Gutperle unterzieht manche ihrer kubischen Plastiken dieser aufwendigen und zeitintensiven Technik. Das Objekt aus weißem, feinem Ton wird solange mit Glassteinen poliert, bis es eine schöne glatte Oberfläche hat. Dann wird es in Palmrinde, Metallspäne, Baumwolle und Holzmehl eingepackt und dem Feuer übergeben. Zum Vorschein kommen Kunstwerke mit einer lebhaften und dennoch harmonischen Oberfläche. In rötlich braunen, zart grauen und schwarzen Wolken legt sich die Farbe über das Objekt. Der zarte Glanz verleiht der Komposition einen edlen Charakter.

Eher zufällig entdeckte Gerdi Gutperle, dass man mit Pferdehaar auf keramischem Untergrund zeichnen kann. Kleine Platten aus weißem, feinem Ton werden bei 1600 °C im Ofen gebrannt. Auf die noch heiße Keramik zeichnet die Künstlerin mit Pferdehaar. Das Haar verglüht, zurück bleiben gegenstandslose Bilder mit zarten bräunlichen Linien und Flächen.

Die Arbeit eines Künstlers mit Ton und dem Feuer setzen Geduld und viel fachliches Wissen voraus. Der Künstler muss sich mit Materialien, Techniken, Chemie, dem Feuer und all den Komponenten im Zusammenspiel auseinandersetzen. Nur so entstehen künstlerisch wertvolle Objekte. Doch oft geschieht auch Unvorhergesehenes. Bei der Skulptur „La Réunion“ backten mehrere eigenständige Objekte unbeabsichtigt auf einem Untergrund zusammen. Auch die farbliche Gestaltung wurde der Künstlerin entzogen und von den neu gewonnenen Freunden selbst entschieden.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Geschichte der Keramik. Gefäße aus Ton gehörten zu den ältesten Gegenständen der Menschheit. Irdenes Geschirr fand man lange in vielen Haushalten. Gefäßkeramik, zum Gebrauch oder zur Zierde, war vor allem nach dem zweiten Weltkrieg sehr beliebt und wurde in ihrer Form und Farbgebung ständig weiter entwickelt. Ton als Werkstoff freier Plastik kam erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Bis dahin wurden Objekte aus Ton vorwiegend gegossen, sehr selten frei gearbeitet und wenn, dann dienten sie oft als dreidimensionale Entwürfe, sogenannte Bozzetti, für große Plastiken aus Bronze. Große Keramiker erzeugten immer neue Formen und entwickelten die außergewöhnlichsten Glasuren. Walter Popp wollte mit dieser Tradition brechen und baute Plastiken, die aus mehreren gedrehten Formen zwar dem Gefäß angelehnt waren, aber einem Gebrauchszweck enthoben wurden. Seine Schüler an der Kasseler Gesamthochschule entwickelten seine Ideen weiter und nahmen Einfluss auf die kommenden Generationen. Bis etwa zur Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte keramische Kunst einen hohen Stellenwert im Bewusstsein der Bevölkerung. Keramikmuseen waren geschaffen worden, private und öffentliche Sammlungen wurden aufgebaut und Keramikpreise ausgelobt, Gefäßkeramik und freie keramischen Plastiken zeigte man nebeneinander in zahlreichen Ausstellungen. Plötzlich brach all das ab. Ich kann es mir nur mit einem veränderten Konsumverhalten erklären. Tatsache ist aber, dass weiterhin – und das beinahe im Verborgenen – Kunstwerke aus Ton oder Porzellan geschaffen werden. Diese Kunst ist faszinierend und vielfältig in ihren Erscheinungsformen – und vollkommen unterbewertet.

Gerdi Gutperle leistet mit ihren Kunstwerken aus Keramik einen wichtigen Beitrag zum Fortbestand einer vergessenen Kunstform. Sicher wird sie uns als Künstlerin noch mit so manchen neuen Schöpfungen erstaunen.

Den Titel der Ausstellung „Sehen/ Fühlen/ Erleben“ habe ich selber noch unter einem anderen Aspekt gesehen, nämlich dem humanitären Einsatz von Gerdi und Werner Gutperle. 2002 riefen sie die Gerdi Gutperle Stiftung ins Leben, um kranke Kinder in Indien medizinisch zu versorgen und ihnen ein Stück Lebensqualität zu geben. 2008 konnten die ersten Kinder im Gerdi Gutperle Agasthiyar Muni Child Care Center in Südindien stationär aufgenommen und behandelt werden.

Um dieses menschliche Engagement zumindest zu einem Teil zu finanzieren, fließt der gesamte Erlös aus dem Verkauf von Gerdi Gutperles Kunstobjekten der Stiftung zu.

Unterstützen auch Sie dieses Projekt mit dem Erwerb eines dieser wundervollen Kunstwerke.

Dr. Bettina Broxtermann, November 2014