BESUCH IM PARADIES


Als Gerdi Gutperle und Stefan Szczesny im Frühjahr 2016 miteinander bekannt gemacht wurden, stellten die beiden schnell fest, dass sie thematisch und künstlerisch Einiges verbindet.

 

Neben ihrer Vielseitigkeit im Umgang mit Materialien, zieht sich die Natur als Quell der Inspiration wie ein roter Faden durch das Werk beider Künstler, beim einen farbenfroh, reduziert und sehr weit verfremdet, bei der anderen in den unterschiedlichsten Techniken und Werkstoffen.

 

Plastiken aus Keramik nehmen im Œuvre beider einen großen Stellenwert ein. Deshalb zeigen wir Ihnen in dieser Ausstellung außer den großformatigen Bildern von Stefan Szczesny einige seiner Keramiken und solche von Gerdi Gutperle, die sich thematisch um den Titel der Ausstellung „Besuch im Paradies“ ranken.

 

Doch beginnen wir mit den Gemälden von Stefan Szczesny. Sonne, Meer, Strand, nackte, erotische Frauen, Palmen, süßes, saftiges Obst, viel Licht und strahlend bunte Farben – Stefan Szczesny entführt uns mit seinen Bildern in eine andere Welt, fernab von Hektik und Stress, hinein in sonnendurchflutete Wärme und angenehme Leichtigkeit. Seine Geschichten, mit schnellem Strich entworfen, erzählen von Fülle, Wohlleben und Erotik in der Zivilisation - ein paradiesischer Zustand, von dem wir alle träumen und in den wir uns nur zu gerne einfühlen.

 

Der Künstler hat schon vor vielen Jahren sein Atelier in Köln gegen einen Wohnsitz an der Côte d‘ Azur getauscht. Hier malt er oft im Freien, mitten in der Landschaft mit Blick auf das Meer, eins mit seiner Umgebung, dem Klima und den kulturellen Reizen der Region. Dennoch sind seine Gemälde kein direktes Abbild des real Vorgefundenen. Natur und Städte werden zur Kulisse und dabei verfremdet. Auf das Wesentliche reduziert, wirken sie plakativ und in manchen Fällen wie Reklametafeln für wohlbekannte Orte: Saint Tropez, Sénéquier, Club 55. Szczesny spielt mit bildnerischen und erzählerischen Ebenen, die er wie Folien übereinander legt. Er liebt die Vieldeutigkeit und setzt diese ganz bewusst als Stilmittel ein.

 

1951 wurde Stefan Szczesny in München geboren. Einer Ausbildung an der Fachschule für freie und angewandte Kunst folgte von 1969 bis 1975 ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Als Vertreter der Neuen Wilden machte sich Szczesny seit Anfang der 80er Jahre einen Namen in der Kunst sowohl auf nationaler wie internationaler Bühne. Ausstellungen in der ganzen Welt, öffentlichkeitswirksame Kunstprojekte und ein unerschöpfliches Œuvre zeugen von seiner Schöpferkraft und der Liebe zur Kunst. Trotz seines wilden Gestus und seiner freien unbekümmerten Gestaltung lebt Stefan Szczesny nicht losgelöst von künstlerischen Traditionen. Während seiner Stipendien in Florenz und in Rom studierte er die klassische, italienische Kunst. - Malerei, Musik, Theater und Architektur sind Disziplinen, die für Szczesny ineinandergreifen und deren Einfluss aufeinander er immer wieder für sich untersucht.

Seine lebensfrohen Motive aus der Malerei übertrug der Künstler nach und nach auf andere Materialien und damit künstlerische Techniken. Er gestaltet Keramik, Eisen und Glas zu Wandbildern, Gefäßen und Plastiken. Dabei stoßen wir stets auf einen unbekümmerten, sehr lebendigen Umgang mit Farben, Formen, Räumen und Erzählungen. Seine Muse und Ehefrau Eva ist in nahezu jedem Werk präsent, schlafend, nackt, erotisch, zwischen Obst gebettet oder als beschwingter, zweidimensionaler Scherenschnitt in der Serie „Shadows“. So auch in seinen Keramiken. Vor über zwanzig Jahren entdeckte dieser vielseitige Künstler die Keramik für sich und folgte damit einem seiner Vorbilder, nämlich Pablo Picasso. Das Dekor von Szyzesnys Arbeiten entwickelt sich aus den floralen und figürlichen Motiven seiner Malerei und wird mit ebenso dynamischen Pinselstrichen auf die Wandungen von Schalen, Vasen und Tellern gezeichnet. Auch bei seinen freigeformten Plastiken aus Ton reduziert der Künstler seine Frauengestalten auf das Wesentliche, zeigt sie in sitzender, stehender oder lasziver Pose.

Einen Vergleich zwischen dem keramischen Werk von Stefan Szczesny und Gerdi Gutperle möchte ich hier gar nicht vornehmen. Wer sich mit Keramik beschäftigt hat, weiß, wie vielfältig und wandlungsfähig das Material ist. Durch die Kombination von Phantasie, handwerklichem Können und die Beherrschung verschiedenster Brenntechniken sind dem künstlerischen Ausdruck keine Grenzen gesetzt.

Wer Gerdi Gutperle kennt, weiß, dass sie Schöpfung und Natur immer in ihren Werken thematisiert, so auch in der Keramik. Pflanzen und -ranken, Blätter, Früchte, Tiere und Phantasieformen wachsen und krabbeln, wie hier, auf ihren Stelen empor. Sie sind aus zylindrischen und kubischen Körpern zusammengesetzt, denen im Hohlraum Metallstäbe stabilisierenden Halt geben. Durch diese Montagetechnik wird es möglich, sehr großformatige Arbeiten zu schaffen.

Betrachten Sie die hier gezeigten Keramiken der Künstlerin als einen kleinen Vorgeschmack auf die Jubiläumsausstellung von Gerdi Gutperle am 19. September unter dem Motto „Garten Eden“. Sie wird Ihnen dann weitere Keramiken präsentieren.

Nun wünsche ich Ihnen viel Freude. Herr Szczesny steht Ihnen gerne für Fragen zu seinem Werk zur Verfügung.

 

Eröffnungsrede, Februar 2017, Dr. Bettina Broxtermann