ERZÄHLUNGEN DURCH ZEIT UND RAUM


JAHRESAUSSTELLUNG GERDI GUTPERLE

18. Februar 2020 - 26. April 2020

 

Zu einer Reise durch Zeit und Raum lädt uns Gerdi Gutperle mit ihrer Jahresausstellung 2020 ein. Bei dieser Reise - so scheint es - bewegt sie sich selbst und führt dabei den Betrachter an ihrer Seite mit wachen Augen und offenen Sinnen durch Zeit und Raum. Nimmt von unterwegs mal hier, mal dort Szenen, Erlebnisse, Naturereignisse und Schwingungen auf, bewertet nicht, verarbeitet, mischt und inszeniert neu. Erlebtes und Erahntes erzählt sie mit ihren Kunstwerken.

Zauber des Aufbruchs in offene neue Welten, Lebensfreude, Perspektiv- und Paradigmenwechsel, Harmonie im Miteinander - so könnte beispielsweise die Arbeit „Wunderbares Leben“ metaphorisch gedeutet werden. In Tanz und Freude versunkene Frauengestalten erzählen vom Schönen und dem Wunder des Lebens, frei von Zeit und Raum. Andeutung von parallel existierenden Architekturen ohne Ort und Zeit, verbunden durch einen sich über das Format rankenden Blütenzweig - ein Symbol eterneller Natur?

Großen Einfluss auf diesen ganz besonderen Werkzyklus von Gerdi Gutperle hat die faszinierende Theorie des Wissenschaftlers Dr. Jürgen Bayer über die NICHTRAUMZEIT. Dieses komplexe Thema in Malerei auszudrücken schafft Gerdi Gutperle durch eine mystisch expressionistische Formen- und Farbsprache. Pastos pittoreske Landschaften in ungewöhnlichen pastellenen Farbkombinationen, klare Konturen, Tiefen und Schnitte lassen uns die parallelen Dimensionen sehen und erahnen. In einigen Bildern arbeitet Gerdi Gutperle mit Maulbeerbaumfäden - ästhetisches Element oder Ausdruck von Verbindungen? Die intuitive Farbwahl vieler Arbeiten des Zyklus entspricht Goethes Farbenkreis des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, der 1810 von dem Dichter geschaffen wurde, der unter anderem auch malte. Nach Goethes Worten „Es schreibt in mir“ mag dies bei Gerdi Gutperle ein „Es malt in mir“ sein? In einigen ihrer Bildkompositionen erinnern die Landschaften von Zeit und Raum zu den Holzschnitten der Künstlergruppe „Die Brücke“ um Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner in scheinbarer oder realer Verbundenheit. Farbaufträge voller Licht und fantastischer Expression unterstreichen die Vielfalt der parallelen Dimensionen. Durch solche Landschaften wandert der Betrachter mit Freude und in großer Gelassenheit um das Geschehen.

Die Farben der Arbeit „Liebe schicken“, warme, durchlässige Töne, aquarellig, heiter warm beleuchtendes Gelb, das Orange hoher Energie und der Rotton von Anmut und Würde flüstern es dem Betrachter zu. Der Titel bringt auf den Punkt, was Gerdi Gutperle auf Schritt und Tritt, mit jedem Pinselstrich, jedem Satz ausstrahlt, lebt und tut. „In der Kunst wie im Leben ist alles möglich, wenn es auf Liebe gegründet ist“ - sagt Marc Chagall. Gerdi Gutperle tut es. Für ihre Kinder in Indien, für ihre Familie, Freunde, Mitarbeiter, und für jeden, der ihr begegnet. Offenbarung - das Schlüsselmotiv aus der gleichnamigen Werkserie, zeigt ein Paar, einander zugewandt, wissend, miteinander reisend in verbundener Kommunikation. Sie brauchen kein Gesicht, um sich zu (er)kennen, keine Hände, um sich zu berühren, keine Stimme, um miteinander zu sprechen. Sie sind es.

Die Kugel taucht 2020 erneut bei ihren Keramiken auf: Sie besitzt weder Anfang noch Ende, galt seit jeher als Symbol für Vollständigkeit und Ganzheit, als Symbol der Seele des Einzelnen, und auch, als Anima Mundi (u.a. Platon), also Weltenseele, und als Folge auch als Bild des Höheren. Als vollkommenste Raumform bedeutet sie die Gesamtheit aller Möglichkeiten, zyklische Bewegung der Erneuerung und auch die Überwindung von Zeit und Raum. Sie ist Urform, die alle anderen Formen enthält, in der Gesamtheit aller einander aufhebenden Gegensätze.

Ob Keramik, Malerei oder Skulptur - unverkennbarer Duktus, leichthändige Linie, Transluzenz und Schwung - über mehr als drei künstlerische Jahrzehnte hinweg Veränderung, Anliegen, Entwicklung, tiefe Verwurzelung und Verbundenheit. Gerdi Gutperle offenbart und ist selbst Offenbarung. Staunen macht uns, wie es Gerdi Gutperle mit ihren gemalten Erzählungen gelingt, RAUM für die geistige Welt zu schaffen, unsere Fantasie zu bewegen und zu beflügeln. Es gelingt Öffnung und Dimension! Die Möglichkeiten werden weiter, größer, durchlässiger.

Wer Gerdi Gutperle erlebt, spürt in vielerlei Hinsicht und so auch im Jahresthema 2020, dass sie „der Zeit voraus“ ist. Ob im alltäglichen Zupacken und Organisieren, in ihrer Malerei oder auch der geistigen Welt - Gerdi Gutperle ist weiter, nimmt andere mit, geht voran, lädt ein, sich auf das Sichtbar-Unsichtbare einzulassen, lädt ein, sie zu begleiten.
HERZLICH WILLKOMMEN.

Cristina Streckfuß